Inhalt
Vorwort
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Wenn irgendwo über das Dorfleben in alten Zeiten berichtet
wird, ist das Brotbacken im Backhaus immer ein beliebtes Thema.
Der alte Backes (Postkartenausschnitt) |
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Es ist schön, sich zu erinnern und sich vorzustellen:
- wie die Mutter am Abend vor dem Backtag die "Mool" vom
Speicher holte, den großen rechteckigen hölzernen Backtrog, der noch weiß war
von festgewordenen Mehl- und Teigresten der vielen zurückliegenden Backtage,
- wie sie den getrockneten Sauerteig, der im "Kremelesäckche"
in der Nähe vom Herd hing, mit Mehl und Wasser in der "Mool" ansetzte und
- wie sie am nächsten Tag das Mehl - oft über 40 Pfund! - und etwa einen
Eimer Wasser dazugab, um das ganze zu einem schweren, zähen, blasenwerfenden
Brotteig zu "verschaffen".
Es war Schwerstarbeit für die Bäuerin, jede zweite Woche die ca. 10 bis 12
großen Brote herzustellen, die dann "em Gang ofm Hous" in einer
Reihe an die Wand gelehnt auf den Verzehr warteten und - vor allem in den ersten
Tagen - köstlich dufteten und schmeckten. |
Vor dem Backtag musste man beim Mittagläuten an den Backes
"luse gieh", um die Reihenfolge beim Backen zu bestimmen.
Vor Festen wie Weihnachten oder der Kirmes war der Andrang so groß, dass der
Lederbeutel mit den "Gemaane Liesa" geholt werden musste. Darin befanden
sich glatte, gleich große Holzklötzchen, für jedes Haus eines mit dem eingekerbten
"Hauszeichen" darauf. (Leider ist dieser Beutel - wohl im Krieg - verlorengegangen.)
Waren nur wenige Interessentinnen da, genügte es, wenn jede in ein kurzes Reiserhölzchen
ihr Zeichen einkerbte und es in eine aufgehaltene Schürze warf, um dann das Los zu
ziehen.
Im Winter war "die Aaback", der erste Backtermin am Morgen, wenig
beliebt: Man musste sehr früh aufstehen zum Teigmachen und Broteformen, und man brauchte
vor allem viel mehr Reiserholz, um die Steine im kalten Ofen "zur Weißglut" zu bringen.
Wörter wie "Mool", "Kremele-(Krümel-)säckelche",
"luse gieh" und "die Aaback" sind schon genannt worden.
Im Zusammenhang mit dem Backen gibt es noch viele alte mundartliche Ausdrücke, die
fast unübersetzbar sind und mit dem Backen im Backes wohl verschwinden werden:
Auf dem "Brud-Dill", (auch "Brud-Huad"), einem breiten langen Brett, wurde das Brot
auf den Schultern in den Backes getragen bzw. mit der Schubkarre gefahren. Auf dem
Heimweg transportierte man es oft auch in dem strohgeflochtenen Brotkorb, der
"Brudmann".
Mit "Räisabeade" oder "Schanze" (Reisigbündeln) wurde der "Owwe gehezt"
(eingeheizt); mit der "Keß", einem an einer sehr langen Stange befestigten Scharrbrett,
wurde die Glut im Ofen verteilt, bis die Steine weiß glühten, und schließlich
herausgescharrt. Der "Wesch", ein um die "Keß" gewickelter feuchter Strohwisch, putzte
die Asche noch gut aus dem Ofen. Dann konnte das Brot "eegedoh" werden. Dazu benutzten
die Bäckerinnen "die Schoß" (ein an einer langen Stange befestigtes Brett) mit der sie
das ungebackene, also noch weiche Brot geschickt in den Ofen "schossen", an die richtige
Stelle schoben (um den Platz auszunutzen) und schließlich wieder herausholten.
Kurz bevor das Brot "ousgedoh" wurde, musste jedoch jedes einzelne noch einmal hervorgezogen
und mit der Bürste und frischem Wasser "gefrescht" werden, damit es eine knusprige,
glänzend braune Kruste, die "Koascht", bekam.
Schließlich wurde das heiße Brot auf der "Bäid" abgelegt, dem langen, robusten Tisch
an der Wand des Backes.
Es war ein Augenblick großer Befriedigung, wenn die großen langen braunen Brote
wohlgelungen auf der "Bäid" lagen.
Zwischen ihnen lag meist auch ein "Appelebumm"
( = Apfel im Brotteig) oder ein flacher runder "Biereplatz" (eine Art Fladen aus
Brotteig mit Birnen- oder Apfelstücken), der von den Kindern in Angriff genommen wurde,
sobald man sich nicht mehr Finger und Mund daran verbrannte.
Ein anderes sehr begehrtes Beiwerk, das mit dem Brot zugleich gebacken wurde, war
der "Deppekooche", ein köstlicher Kartoffelkuchen mit viel Rahm oder Speck, der
nirgendwo so gut aussah, duftete und schmeckte, wie wenn er im schwarzen Bräter, dem
"Äise-Deppe", aus dem Backes kam und meist zusammen mit einer Bohnensuppe zu Mittag
gegessen wurde.
Schließlich wurde im Backes auch der "Kornkaffee" geröstet, und im Herbst wurden die
"Gedraide", das Dörrobst, gemacht. Die Zwetschgen mussten dafür sorgfältig mit dem
Stielloch nach oben auf die Holz-"Hiadscher" aufgestellt werden, damit der klebrige Saft
nicht in den Ofen lief.
Es gab zwei Öfen in unserem Backes, die nebeneinander hinter der großen,
verräucherten Stirnwand lagen. (Sie waren ursprünglich je einer Dorfhälfte zur Benutzung
zugeteilt.)
Die beiden eisernen Türen waren gerade so groß, daß das Reisig zum Heizen,
das Brot und die großen Kuchenbleche mit den "Straisel-, Zimmets- und Quetschekooche"
bequem eingeschoben werden konnten. Unterhalb der Türen befand sich im Boden je eine
flache Grube, in die die Glut- und Kohlenreste fielen, die aus dem Ofen "ausgeschoa"
wurden. Im Sommer wurden sie durch Wasser schnell gelöscht, im Winter aber waren sie
eine willkommene Licht- und Wärmequelle.
An den beiden Längswänden des Raums stand je eine Bäid. Darauf wurde nicht nur das
Gebäck vor und nach dem Backvorgang abgestellt; hier stand unter anderen notwendigen
Utensilien auch die in dem fast immer dämmrigen, dunkel verräucherten Backes wichtige
Kerze.
Die Bäid diente aber auch als Bank oder als "Stehhilfe" für die Bäckerinnen.
Zwischen den einzelnen Arbeitsgängen lagen nämlich oft längere Ruhepausen, die sie für
die gehabten Mühen etwas entschädigten.
Da war es schön, wenn man zu zweit war beim Backen: Man konnte Dorfneuigkeiten,
Meinungen und Erfahrungen austauschen und ohne Hast miteinander schwätze - fast wie
heute beim Kaffeeklatsch.
Es war warm und dämmrig, man konnte in die Glut oder in die Kerzenflamme schauen, es
roch gut, und die Kinder, die gern mit dabei waren im Backes (ich erinnere mich selbst
gut daran!), erlebten wohl auch etwas vom Besonderen dieser behaglichen Atmosphäre; denn
sie spielten meist ruhig oder saßen einfach da und hörten zu.
Solche Stunden, vor allem am Abend und in der dunklen
Jahreszeit, sind es, die das gemeinsame Brot- und Kuchenbacken im Dorfbackhaus so oft in
einem romantischen Licht erscheinen und uns im Rückblick leicht in ein nostalgisches
Schwärmen geraten lassen.
Für die Chronik aber sollen hier noch ein paar Fakten festgehalten werden, so weit
und so lange wir uns an sie erinnern. Denn schriftlich dokumentiert ist darüber kaum
etwas.
Das alte Backhaus erfüllte bis zu seiner Zerstörung im
Krieg viele Funktionen. Es war gebaut als Back- und Gemeindehaus.
Aus dem Backesraum führte eine Tür zu der verschalten dunklen Holztreppe, über
die man in den Gemeindesaal im oberen Stockwerk gelangte. Er wurde lange Zeit als
Schulsaal genutzt, wie aus dem Bericht gleich zu Beginn im ersten Teil dieser
Chronik hervorgeht. In den kleinen Nebenräumen lagen vor der Zerstörung noch alte
Bücher |
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Am alten Backes an der "Backeskier" (Postkartenausschnitt)
war immer was los. Vor allem, wenn der Photograph ins Dorf kam! |
und Gerätschaften aus dieser Zeit. Später
diente der Saal vor allem als Raum für Kirchenchorproben und beherbergte daher lange ein
altes Harmonium.
"Tippelbrüder" - auch "Kunde" genannt - übernachteten hin
und wieder unten im warmen Backes, nachdem sie im Haus gleich gegenüber, bei
Backes-Hiestasch Mina und dem Juppes, nie vergebens um " en Tälla Sopp, e Steck on en
Päif Tubak" vorgesprochen hatten. Sie wurden allerdings wegen ihres oft fahrlässigen
Umgangs mit Feuer nicht besonders gern gesehen im Backes.
Angebaut ans Backhaus war das kleine Spritzenhaus mit den Gerätschaften für die
Feuerwehr; und gleich hinterm Backes befand sich die "Gemaane Woh", die Viehwaage
(ursprünglich in einem "Woh-Häisje").
Für Kinder war um den Backes herum immer ein besonders
beliebter und interessanter Spielplatz, und für die Jugend war hier am Abend der
bevorzugte Treffpunkt. Aber auch für die Erwachsenen war der Backes der anerkannte
Mittelpunkt des Dorfes.
Hier versammelte man sich, wenn es "an die Gemaan" schellte,
wenn man losen oder zum Holzversteigern ging oder wenn man einfach mal gucken wollte,
was so los war im Dorf und "Aasprooch" (einen Schwatz) suchte. "Ich gien noch e bißje an
de Backes", hieß es oft abends nach Feierabend.
Der Wiederaufbau und die Nutzungsweisen nach 1945 sind im
ersten Teil der Chronik weitgehend dokumentiert. In den 50er Jahren wohnten "ofm Backes"
zeitweilig Flüchtlinge. Anfang der 70er Jahre wurden hier die vier unteren Jahrgänge der
Schulkinder unterrichtet, weil die Zahl der Kinder im Dorf zu groß war für die
einklassige Dorfschule, und seit etwa 1975 befinden sich oben im Backhaus die
Jugendräume.
Unten ist nur noch ein (kaum benutzter) Backofen. Die Hälfte des ursprünglichen
Backes wurde beim Wiederaufbau abgeteilt als Raum für öffentliche Waschmaschinen,
später (als jeder Haushalt seine eigene Waschmaschine besaß) als Kühlraum. Wo
früher das Spritzenhaus stand, befindet sich heute die überdachte Bus-Wartestelle
für die Kindergarten- und Schulkinder.
Wo früher die Viehwaage war, ist heute das Toilettenhaus. In dem Anbau waren
zunächst, bis immer mehr Häuser eigene Bäder bekamen, vier "Brause"-Kabinen
eingerichtet.
Das Duschen war so beliebt, dass man am Samstagnachmittag, wenn das
Duschhaus geöffnet und geheizt war, vor der Türe mit Handtuch und Seife
schlangestand und - wie immer am Backes - ein bisschen miteinander "sproochte". |
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Der neue Backes |
PS:
Eine "Polizei-Verordnung, die Benutzung der Gemeindebacköfen in Zilshausen (Lahr,
Lieg und Lütz) und Mörsdorf betreffend" von Januar 1876 ist in dem Buch von F. Schneider
"Die Geschichte des Dorfes Lieg" Seite 211 abgedruckt.
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